Reportage
Weshalb im Kurs „Deutsch im Alltag“ Freiwillige unterrichten
Sigrid ist gebürtige Burgenländerin und heuer 63 geworden. Sie hat zwei erwachsene Söhne. Als Kind schon bei den Kinderfreunden, leitete sie später eine Ortsgruppe und gestaltete deren Aktivitäten und Veranstaltungen. Das sozialpolitische Engagement war ihr in die Wiege gelegt, schon als Jugendliche hat sie sich für soziale Projekte interessiert. Mit Familie und Beruf – Finanzbranche, betriebliche Altersvorsorge, „etwas ganz Anderes“, sagt sie – geriet das alles etwas in den Hintergrund. Aber als sie 2023 in Pension ging, war ihr klar, dass sie wieder etwas tun möchte. „Ich habe mir dann mehrere Organisationen angeschaut, und das Integrationshaus hat sehr professionell gewirkt. Dass es ein Projekt vom Willi Resetarits ist, hat mich natürlich auch beeinflusst.“ Und so hat sie ab 2024, nach ihrer Ausbildung zum Flüchtlingsbuddy, die junge Ukrainerin Sofiia begleitet und mit ihr Deutsch gelernt.
Dann kam eines Tages die Ausschreibung für „Deutsch im Alltag“. Gesucht wurden Freiwillige, die sich um eine Frauengesprächsgruppe kümmern, die sich wöchentlich treffen würde. Frauen, die derzeit keinen regulären Kurs besuchen können, wegen kleinen Kindern oder weil sie im Alter nicht mehr ganz so mobil sind. Sigrid meldete sich, und nun gestaltet sie seit Herbst 2025 gemeinsam mit Dana und Verena diese Treffen. Anfangs unterstützt von einer Dolmetscherin, die auch Deutschunterricht gab, stellen die drei jetzt ganz alleine das Programm zusammen: „Wir fragen die Frauen, welche Inhalte sie interessieren, und suchen dann alles dazu zusammen.“
So kam es zu Themen wie „Formulare ausfüllen“, womit auch Zahlen und Monatsnamen gelernt werden konnten, „Arztbesuch“, um Körperteile benennen zu können, oder „Lebensmittel“, wo viel mit Kärtchen gelernt wurde. „Manchmal haben wir sogar gesungen oder Gedichte rezitiert.“
„Es geht um die Freude, es soll Spaß machen“, sagt Sigrid. Auch wenn die sehr heterogene Gruppe von 7–15 Frauen im Alter von 20 bis 70 Jahren aus Ländern wie der Ukraine, Syrien, Angola oder Somalia oft sehr herausfordernd ist. „Aber ich ziehe meinen Hut vor den Frauen, was die alles schaffen, auch mit Kindern. Und diese Projekte prägen einen. Wenn es für alle gut ist und Freude macht, dann bleibt das.“
Eine der Frauen, die Sigrid betreut, ist Gure. Sie ist 30 Jahre und kommt aus Somalia. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie jetzt in Österreich und wohnt im Integrationshaus mit ihrer 3-jährigen Tochter und ihrem 8 Monate alten Sohn. Noch muss sie sich ganztags um die Kinder kümmern, einen „richtigen“ Deutschkurs kann sie deswegen nicht besuchen. Aber mit „Deutsch im Alltag“ kann sie schon einmal beginnen, die Sprache zu sprechen: „Ich verstehe sehr viel mehr, seitdem ich den Kurs besuche. Und Sigrid und die anderen machen das sehr gut, sie sind sehr geduldig. Auch wenn manchmal die Kinder nebenbei weinen.“
Und wenn sie dann einmal Deutsch gelernt hat, würde sie gerne als Heimhelferin arbeiten.
Und was wurde aus Sofiia? Sie ist jetzt 18, beginnt zu studieren. Regelmäßige Treffen braucht es jetzt nicht mehr. Aber Sigrid sagt zu ihr: „Wenn du was brauchst, bin ich da!“ Und so sieht man sich weiterhin, um gemeinsam Deutsch zu sprechen, damit sie nicht aus der Übung kommt.
Interessiert?
Mehr Informationen zur freiwilligen ArbeitDas Projekt „Freiwillige Arbeit im Integrationshaus“ wird gefördert aus Mitteln des Sozialministeriums.
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