Interview

„Kümmere du dich um die Schule, um das andere kümmern wir uns!“

Wie viele Schulkinder gibt es derzeit im Integrationshaus?

GWEN: Von den ungefähr 40 Kindern, die derzeit im Integrationshaus leben (Anmerkung: Gemeint sind hier Kinder mit zumindest einem Elternteil, keine unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten), sind 30 Schulkinder. Wir habe echte Erstklässler*innen, die heuer ihren ersten Schultag in der Volksschule haben, andere, die schon länger in die Schule gehen, aber auch einige, die schon in ihrer Heimat Schulerfahrung gemacht haben, und nun erstmals in Österreich eingeschult werden – vor allem Ukrainer*innen. Gerade haben wir auch einige Romafamilien, wo die Mütter selbst nie (oder kaum) in der Schule waren und teilweise Analphabetinnen sind, da ist die Herausforderung oft besonders groß.

In welche Schulen gehen die Kinder?

Da haben wir eigentlich das ganze Spektrum. Volksschulkinder, die teilweise in die Vorschule zurückgestuft werden, wegen noch mangelnder Sprachkenntnisse. Wir haben viele in den Mittelschulen, manche schaffen es sogar ins Gymnasium. Das ist aber eine enorme Leistung, wenn man bedenkt, unter welch prekären Umständen sie hier sind. Unser Ziel ist eigentlich der Pflichtschulabschluss und dann eine weitere Ausbildung. Wenn das möglich ist. Asylwerber*innen dürfen ja zum Beispiel keine Lehre machen. Da wir aber im Integrationshaus einige Bildungsprojekte haben, fällt zumindest keine*r aus dem Ausbildungsweg heraus.

Wie ist denn dann so der erste Schultag?

Also bei denen, die wirklich ihren ersten Schultag haben, ist die Euphorie riesig. Weil man sich aufs Lernen freut, und auch an mehr Aktivitäten im Haus teilnehmen kann. Von uns werden sie über (Sach-) Spenden mit Schultasche und Schultüten ausgestattet, denn diemeisten Eltern können sich das nicht leisten. Anfangs gibt es dann oft ein wenig Frust, weil das Essen im Hort anders ist als zuhause, und es so viele Informationen gibt, die dann die Kinder den Eltern oft übersetzen und erklären müssen. Und ich rede mit den Kindern über all das und sage ihnen: „Kümmere du dich um die Schule und das Lernen, um das andere kümmern wir uns!“ Auch Freunde zu finden ist anfangs oft schwer, wegen der Sprache. Da haben einige Angst, niemals Freundschaften zu finden. Aber das gibt sich dann oft schon in den ersten Wochen.

Wieso ist Schule so wichtig?

Schule bedeutet Struktur für den Alltag, und es gibt Regeln, die für alle gleich gelten. Das vermittelt Sicherheit. Schule ist da oft auch ein Therapeut.

Und die Eltern?

Da kann man nicht alle in einen Topf werfen. Manche haben noch gar keine Erfahrung mit Schule, weil sie selbst nie eine besuchen konnten. Wie zum Beispiel afghanische Frauen. Da ist auch die Erwartungshaltung nicht so groß. Aber es ist der Wunsch da, dass es ihren Kindern, vor allem Mädchen, besser geht. Manche, gerade gebildete Eltern, haben aber auch zu hohe Erwartungen an ihre Kinder. Wir versuchen also entweder Druck zu nehmen oder zu geben, je nachdem, was notwendig ist. Wir bieten hier auch eine eigene Beratung für Frauen an, wenn es zu besonderen Herausforderungen kommt, von Sprache bis hin zu psychischer Gesundheit, Gewalt, Gesundheit, Armutsgefährdung oder Ressourcenentwicklung. Und unsere Sozialarbeiter*innen unterstützen und ermutigen sie, auch zu Schulterminen zu gehen, auch wenn die Sprachkenntnisse noch nicht so gut sind. Da empfinden viele Eltern Scham. Ich erinnere mich noch an einen Vater, der sehr frustriert war, dass sein Sohn besser Deutsch konnte als er, und er ihn aber aktiver unterstützen wollte. Schließlich war das dann eine große Motivation für ihn, und er lernte bald Deutsch.

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