20 Jahre Beratungsstelle
Mitarbeiter*innen erinnern sich anlässlich 20 Jahre Beratungsstelle
Die Beratungsstelle im 20. Bezirk war die erste Außenstelle des Integrationshauses, weil das Haus in der Engerthstraße voll belegt war. Am Anfang hat noch viel gefehlt: Die Klient*innen waren finanziell nicht abgesichert und es gab viel zu wenig Deutschkurse. „Geburtsbeschwerden“ nennt es Narmin. „Wir mussten die Beratungsstelle erst einmal bekannt machen. Sogar einen Flohmarkt haben wir dafür organisiert.“ Die ersten Beratungsstellen in Wien waren gerade erst vom Fonds Soziales Wien (FSW) ins Leben gerufen worden. „Pionierarbeit“, sagt Martina dazu. „Und dann haben wir auf die Leute gewartet. Durch die gemeinsame Verantwortung ist ein super Teamgefüge entstanden.“ Martina hatte vor allem Klient*innen aus Tschetschenien und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, da sie bereits nach ihrem Studium als Übersetzerin für Russisch gearbeitet hat.
Anfangs gab es ja noch kein Budget für Dolmetscher*innen, daher waren die muttersprachlichen Berater*innen so enorm wichtig. Narmin ist im Iran geboren und spricht Farsi muttersprachlich, dazu Dari und ein wenig Türkisch. Sie ist spezialisiert auf Menschen mit psychischen Erkrankungen, Stabilisierung ist das erste Ziel. „Ich hatte vor allem viele Afghan*innen. In den ersten Jahren war es noch sehr schwierig, dass sie Asyl bekommen. Durch den Spruch des EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte), dass keine Frauen nach Afghanistan zurück geschickt werden dürfen, wurde es zuletzt besser.“
Später kam dann die Rechtsberatung als eigene Abteilung dazu, eine enorme Erleichterung für das ganze Team. Man konnte sich jetzt auf die anderen Dinge, die immer mehr wurden, konzentrieren. Zuletzt kam dann noch ein Psychologie-Projekt für traumatisierte Geflüchtete dazu. „Und wir habenunseren ‚Geburtsort‘ verlassen und sind in den 2. Bezirk gezogen, näher zum Integrationshaus. Das hat auch vieles erleichtert“, ergänzt Alexis. „Die Nationalitäten haben sich über die Jahre geändert“, sagt Narmin, „die Probleme blieben immer die Gleichen.“ Aber die Einstellung in der Politik hat sich sehr geändert, hat vieles schwerer gemacht. „Ich war immer sehr aktivistisch in der Zivilgesellschaft, wie das ganze Integrationshaus. Jetzt mussten wir viel mehr Zeit in die Beratungsarbeit investieren, die Ressourcen wurden weniger“, erzählt Alexis. „Die Willkommenskultur wurde zur Blockadepolitik“, so Martina. „Selbst eine Reinigungskraft braucht jetzt einen Nachweis über Deutschkenntnisse auf B1Niveau, um arbeiten zu dürfen.“ Und gerade männliche junge Menschen schaffen es nur sehr schwer in den Arbeitsmarkt.
Aber es gibt natürlich auch viele Erfolgserlebnisse. „Ein besonderer Moment war für mich, als wir es nach neun (!) Jahren geschafft haben, für eine tschetschenische Familie endlich einen positiven Asylbescheid zu bekommen“, erinnert sich Martina. Und Narmin erzählt, dass sie vor kurzem eine afghanische Frau getroffen hat, die bei ihr in der Beratung war. „Damals war sie nicht alphabetisiert. Jetzt arbeitet sie in einem technischen Gesundheitsberuf, und hat auch den Führerschein gemacht. Es ist schön, wenn man Menschen beim Start in ein neues Leben helfen kann!“ Und Alexis erinnert sich an eine krebskranke Frau, deren Namen falsch erfasst war. Er ist mit ihr nach Traiskirchen gefahren, um den Asylantrag zu stellen, hat sie ins Spital gebracht und die Namensrichtigstellung erledigt. Ein Jahr danach ist sie verstorben. „Trotzdem war sie wieder glücklich. Weil sie wieder ihren richtigen Namen hatte. Und wieder Mensch geworden ist.“
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