Das war die Fachkonferenz 2025
Rückblicke in Texten, Bildern und Videos
Die Fachkonferenz des Integrationshauses Wien am 20. und 21. November 2025 im Veranstaltungszentrum Catamaran deutlicher denn je sichtbar, wie sehr Integrationsprozesse unter politischen Einschnitten leiden – obwohl Österreich und Europa zugleich mehr Integration einfordern. Expert*innen aus Wissenschaft, Praxis und Politik diskutierten, wie Teilhabe und Stabilität dennoch gelingen können. Über 150 Besucher*innen stellten sich eineinhalb Tage dieser Themen im Rahmen von Impulsvorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops.
Im Mittelpunkt standen die zunehmende Schieflage der Integrationspolitik, das Scheitern solidarischer Verteilungsmechanismen sowie die Folgen aktueller Sparmaßnahmen für Wohnraum, soziale Dienste und die psychische Gesundheit geflüchteter Menschen.
Die Konferenz setzte ein wichtiges Zeichen für Menschlichkeit, Verantwortung und für Integrationswege, die auch in schwierigen Zeiten funktionieren können. sie endete mit einem klaren Appell: Eine offene Gesellschaft braucht Solidarität, Mut und gemeinsames Engagement. Teilhabe ist ein fortlaufender, zutiefst menschlicher Prozess – und wir gestalten ihn gemeinsam.
Eröffnungsstatement: Andrea Eraslan-Weninger
ehemalige Geschäftsführung des Integrationshauses
Vor 30 Jahren wurde das Integrationshaus als Antwort der Zivilgesellschaft auf Krieg, Flucht und zunehmende Ausländerfeindlichkeit gegründet. Österreich zeigte mit dem Lichtermeer, dass Menschlichkeit bewegen kann – und das Integrationshaus entstand als Ausdruck dieser Solidarität. Seitdem bietet es Geflüchteten durch mehrsprachige, multiprofessionelle und ganzheitliche Projekte Perspektiven und Unterstützung für einen Neubeginn.
Eröffnungsstatement: Susanne Lettner
Geschäftsführerin des Integrationshauses
Asyl- und Fremdenrecht werden immer komplexer, Europas Abschottung wächst, und gefährliche Fluchtrouten fordern täglich Menschenleben. Zugleich bedroht ein Rechtsruck grundlegende Menschen- und Flüchtlingsrechte. Das Integrationshaus tritt dem entgegen: Es verteidigt Menschenwürde, Chancengerechtigkeit und demokratische Teilhabe – in der täglichen Arbeit, in der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen und durch aktive Lobbyarbeit für ein solidarisches Zusammenleben.
Eröffnungsstatement: Eva-Maria Holzleitner
Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung
Wie die Bundesministerin in ihren Eröffnungsworten betont, sind Flucht, Ankommen und Bleiben gesellschaftliche Prozesse, an denen sich die Stärke unserer Demokratie zeigt – besonders im Umgang mit den Schwächsten. Viele Geflüchtete sind Frauen und Kinder, deren Sicherheit, Bildung und Teilhabe zentrale frauen- und demokratiepolitische Anliegen sind. Das Integrationshaus leistet hier unverzichtbare Arbeit für ein solidarisches Miteinander und echte Zugehörigkeit. Danke für dieses wichtige Engagement.
Eröffnungsstatement: Bettina Emmerling
Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Bildung, Jugend und Integration der Stadt Wien
Wie die Vizebürgermeisterin in ihren Eröffnungsworten hervorhebt, steht das Integrationshaus seit drei Jahrzehnten für Respekt, Professionalität und echtes Miteinander. Als Pionier hat es Integration in Wien geprägt – mit Projekten, die Beratung, Bildung, Teilhabe und Unterkunft verbinden. Damit stärkt es besonders Frauen und Jugendliche, eröffnet Bildungschancen und unterstützt ein selbstbestimmtes Leben. Die Stadt Wien dankt allen, die diese Arbeit möglich machen und Integration zur gelebten Realität werden lassen.
Eröffnungsstatement: Peter Hacker
Stadtrat für Soziales, Gesundheit und Sport der Stadt Wien
Wie der amtsführende Stadtrat in seinen Eröffnungsworten betont, braucht Demokratie täglichen Einsatz: Sie lebt von Kompromiss, Respekt und der Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven anzuerkennen. In einer Zeit zunehmender Polarisierung setzt das Integrationshaus seit drei Jahrzehnten ein wichtiges Zeichen für Zusammenhalt und solidarische Perspektiven. Mit seiner Arbeit stärkt es die Grundlagen unseres Zusammenlebens und trägt dazu bei, Freiheit und Demokratie in unserer Stadt zu schützen. Danke für diesen wertvollen Beitrag.
Eröffnungsstatements: Ðaneta Memišević und Martin Wurzenrainer
Vorstandsmitglied des Integrationshauses, Geschäftsführer des Integrationshauses
Die Fachkonferenz wurde am Freitagmorgen vom fachlichen Geschäftsführer Martin Wurzenrainer und Daneta Memišević, eine der ersten Bewohner*innen und heute im Vorstand des Integrationshaus, mit einer sehr persönlichen Geschichte eröffnet. Daneta sprach über das Ankommen in Österreich, über den Moment, in dem sie sich erstmalig eine Jahreskarte leistete – ein Zeichen von Sicherheit und Zukunft. Das Integrationshaus wurde dabei als zentraler Wendepunkt beschrieben: als Ort der Unterstützung, Orientierung und Würde. Trotz sprachlicher Hürden und beruflicher Brüche eröffneten sich neue Wege – für sie selbst ebenso wie für ihre Kinder. Die Geschichte zeigt deutlich, wie entscheidend wertschätzende Begleitung und stabile Strukturen für gelingende soziale Teilhabe und Inklusion sind. Martin Wurzenrainer nahm den wissenschaftlichen Faden des ersten Tages auf und spannte den Bogen zu den Praxisbeispielen am zweiten Tag.
Impressionen
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Judith Kohlenberger, Andrea Eraslan-Weninger, Vzbgm Bettina Emmerling, BM Eva-Maria Holzleitner, Martin Wurzenrainer, Susanne Lettner -
Susanne Lettner, Martin Wurzenrainer, Eva-Maria Holzleitner, Peter Hacker, Bettina Emmerling -
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Moderation: Eser Akbaba -
Stadtrat Peter Hacker -
Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner -
Susanne Lettner und Andrea Eraslan-Weninger, aktuelle und ehem. Geschäftsführung
Keynote Judith Kohlenberger
In ihrem Impulsvortrag beleuchtet Judith Kohlenberger das „Integrationsdilemma“: den wachsenden Widerspruch zwischen Europas Abschottungspolitik und dem steigenden Arbeitskräftebedarf. Während sich die europäischen Außengrenzen in den letzten zehn Jahren zunehmend verhärten und diese Maßnahmen sich politisch verfestigt haben, suchen Wirtschaft und Gesellschaft gleichzeitig händeringend nach Arbeitskräften. Eine große Bereicherung ist hierbei die Einbettung von aktuellen Zahlen in ihren Überlegungen zur Migrationsdebatte. Judith Kohlenberger zeigt auf, wie diese gegensätzlichen Entwicklungen miteinander kollidieren – und welche Fragen sich daraus für die Zukunft der Migration und für das gemeinsame solidarische Miteinander in einer Gesellschaft stellen.
Keynote Erol Yıldız
In seinem fragmentarisch-experimentellen Impulsreferat eröffnet Erol Yıldız eine postmigrantische Perspektive auf die Stadt. Ausgehend von der Beobachtung, dass Städte seit jeher durch Bewegung, Migration und vielfältige Lebensweisen geprägt werden, lädt er dazu ein, urbane Wirklichkeit neu zu sehen: nicht als etwas Eindeutiges oder Abgeschlossenes, sondern als ein komplexes Gefüge, das sich permanent verändert.
Yıldız zeigt, wie stark unsere Wahrnehmung städtischen Lebens von Perspektiven, Metaphern und dominanten Blickregimen geprägt ist – vom „Wir und die Anderen“ bis hin zu Praktiken des „Aufräumens“ sozialer Wirklichkeit. Dem stellt er einen offenen, postmigrantischen Realismus entgegen, der Stadt als Raum der Vielheit versteht: als Zusammenspiel vieler Menschen, Sprachen, Traditionen und Lebensstile. Denn für ihn haben Menschen „keine Wurzeln, sondern sie haben vor allem Beine.“
Mit Bezug auf historische Entwicklungen und Beispiele aus Städten wie Wien macht Yıldız deutlich: Migration ist kein Ausnahmefall, sondern die Grundbedingung urbaner Gesellschaften. Utopien entstehen dabei nicht in ferner Zukunft, sondern im Alltag – in den gelebten Formen des Zusammenlebens, die Städte ständig neu hervorbringen.
Keynote Banan Sakbani
In ihrem eindrucksvollen Impulsvortrag schildert Banan Sakbani ihren Bildungs- und Berufsweg – von der Flucht aus Syrien über den Libanon und die Türkei bis nach Österreich. Auf dieser Reise lebte sie in mehreren Ländern und besuchte zahlreiche, sehr unterschiedliche Schulsysteme, bevor sie schließlich ihren Weg zur angehenden Juristin in der österreichischen Finanzmarktaufsicht fand. Aus diesen persönlichen Erfahrungen heraus analysiert sie zwei zentrale Säulen gesellschaftlicher Teilhabe: Schule und Arbeitsmarkt.
Sie zeigt auf, welche strukturellen Stärken Österreich mit kostenloser Bildung, vorhandenen Anerkennungsverfahren und einem hohen Arbeitskräftebedarf bietet – und welche Hürden gesellschaftliche Teilhabe und sozialer Inklusion dennoch erschweren, von fehlenden Infos über Anerkennungswege, segregierenden Deutschförderklassen bis zu langen Asylverfahren. Ihre Darlegungen aus Syrien, dem Libanon und der Türkei verdeutlichen, wie prägend Bildungssysteme und Arbeitsmärkte für Lebenswege sind und wie viel einzelne Unterstützer*innen bewirken können.
Interdisziplinäre Einblicke in die Zukunft einer vielfätligen Gesellschaft - Perspektiven aus der Wissenschaft
Das Podiumsgespräch des ersten Tages zeigte deutlich, wie unterschiedlich die Disziplinen auf Demokratie, Migration, Bildung und Recht blicken – und zugleich, wie viele Befunde sich gegenseitig ergänzen.
Podiumsteilnehmer*innen:
- Daniela Ingruber, Institut für Strategieanalysen, Wien
- Seyran Bostancı DeZIM Berlin
- Edith Meinhart, Podcast „Die Dunkelkammer“, Wien
- Judith Kohlenberger, Privatdozentin an der Wirtschaftsuniversität Wien
- Kevin Fredy Hinterberger, Arbeiterkammer Wien
Moderation: Oliver Gruber, Privatdozent an der Universität Wien, AK Wien
Demokratie, Vertrauen und gesellschaftliche Entwicklung
Daniela Ingruber betonte die besorgniserregende Geschwindigkeit, mit der Vertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft erodiert ist – während demokratiefeindliche Narrative in den Mainstream rücken. Gleichzeitig erlebt sie im Kontakt mit Kindern eine große Begeisterung für demokratische Ideen, was Hoffnung gibt. Sie warnte jedoch vor einem gesellschaftlichen „Demokratieverlernen“ und dem schleichenden Abbau demokratischer Institutionen.
Bildung, Diskriminierung und Rassismus
Seyran Bostancı zeigte auf, wie sehr frühkindliche Bildung von subtilen, aber wirkmächtigen Ausschlüssen geprägt ist. Überraschend ist für sie das Paradoxon: viele Familien trauen sich nicht, erlebte Diskriminierung oder Rassismus in der Kita anzusprechen, weil sie befürchten, dass ihr Betreuungsvertrag gekündigt wird. Diese Angst führt dazu, dass diskriminierende Erfahrungen häufig unbenannt bleiben und nicht gegen sie vorgegangen wird. Dies kann bei Familien zu Hilflosigkeit und Vertrauensverlust (auch in Institutionen) führen. Besonders kritisch sieht sie politische Vorstöße wie Sprachstandstests für Vierjährige, die mehr Selektion als Förderung bewirken. Sie plädierte für institutionell verankerte Diskriminierungskritik und eine Abkehr von „Wir–und-die-Anderen“-Logiken. Besonders wichtig ist ein grundlegender Perspektivwechsel: weg von „Wir“ und „den Anderen“ hin zu echter Inklusion, die Vielfalt als Normalität anerkennt, Diskriminierungsschutz als Menschen- und Kinderrecht verankert und institutionelle Strukturen schafft, die niemanden aufgrund irgendwelcher Merkmale von gesellschaftlichen Ressourcen ausschließen.
Rechtliche Rahmenbedingungen und migrationspolitische Spannungsfelder
Kevin Fredy Hinterberger hob positive Entwicklungen wie den erleichterten Arbeitsmarktzugang für Asylwerbende hervor, thematisierte gleichzeitig aber auch den Verbesserungsbedarf in vielen Bereichen. Und erläutert, dass Österreich migrationspolitisch zwischen Fachkräfteanwerbung und Abschottung oszilliert. Qualifizierte Geflüchtete bleiben ungenutzt, Ressourcen für Integration und Sprachförderung sind begrenzt, und für Menschen mit negativen Asylbescheiden fehlen Perspektiven. Beispiele aus Deutschland und Spanien zeigen, dass liberalere Regelungen existieren, die schneller Aufenthaltstitel ermöglichen.
Mediale Narrative und politische Debattenkultur
Edith Meinhart schilderte, wie empirische Erkenntnisse in politischen Debatten zunehmend ins Leere laufen. Migration werde medial meist durch vereinfachende, polarisierende Narrative erzählt – entweder als Opfergeschichte oder als Bedrohungsszenario. Beide seien unzureichend und blenden die Widersprüchlichkeit realer Biografien aus. Ein zentrales Problem sei die Schwierigkeit, über gesellschaftliche Verwerfungen zu sprechen, ohne sofort als „ideologisch“ abgestempelt zu werden.
Wissenschaft, Emotionen und gesellschaftliche Resonanz
Judith Kohlenberger reflektierte selbstkritisch eine wachsende Kluft zwischen wissenschaftlicher Evidenz und politisch-medialer Realität. Um Gehör zu finden, würden Forschende zunehmend absoluter argumentieren, obwohl viele Entwicklungen komplexer und ungewisser seien. Emotionen ließen sich – und sollten sich – in der wissenschaftlichen Kommunikation nicht völlig ausklammern. Entscheidend sei die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und Begegnungen jenseits homogener „Blasen“ zu ermöglichen.
Gemeinsame Fragen und Visionen
Trotz unterschiedlicher Perspektiven verband alle Podiumsteilnehmer*innen die Suche nach Wegen, wie gesellschaftliche Vielfalt, demokratische Kultur und soziale Gerechtigkeit erhalten und gestärkt werden können. Zentral genannt wurden:
- Perspektivwechsel und Abbau von Wir–Sie-Dichotomien
- Strukturelle Verankerung von Anti-Diskriminierung
- Mehr rechtliche und institutionelle Ressourcen für Integration
- Politische Bildung – für Bürgerinnen UND für Politikerinnen
- Mehr Mut zu Komplexität statt einfachen Narrativen
- Konkrete lokale Begegnungen anstelle abstrakter Debatten
- Die Suche nach Gemeinsamkeiten trotz wachsender Polarisierung
Bleiben heißt Teilhaben – solidarische Perspektiven aus der Praxis
Podiumsteilnehmer*innen:
- Karl Kopp, Geschäftsführer Pro Asyl, Deutschland
- Andrea Eraslan-Weninger, Vorstandsmitglied des Integrationshauses
- Roobina Ghazarian, Projektleitung JAWA Next im Integrationshaus
- Sicido Mekonen, FEM Süd, ehem. JAWA Next Teilnehmerin
- Oguzhan Köse, Geschäftsführer Kösche Solution
Moderation: Martin Wurzenrainer, Geschäftsführer des Integrationshauses
Im zweiten Podiumsgespräch am Freitag standen persönliche Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung sowie gelingende Praxisbeispiele im Mittelpunkt. Die Podiumsgäste erzählten von sehr persönlichen Momenten, in denen sie sich willkommen oder ausgeschlossen fühlten: vom Ankommen ohne Sprachkenntnisse, über entscheidende Beziehungen zu Mentor*innen bis hin zu jenen Augenblicken, in denen gemeinsames Engagement oder ein sportlicher Erfolg ein starkes „Wir-Gefühl“ erzeugen.
Es wurde deutlich, dass Teilhabe dort entsteht, wo Menschen gesehen werden – unabhängig von Herkunft, Sprache oder sozialem Status. Sie braucht Räume, in denen Vertrauen, Selbstwirksamkeit und persönliche Entwicklung möglich sind. Vor allem aber auch Strukturen, die Stabilität und echte Chancengerechtigkeit bieten. Die vorgestellten Praxisbeispiele zeigten dies eindrucksvoll: arbeitsmarktintegrative Projekte wie JAWA, mehrsprachige und professionelle Betreuung im Integrationshaus, Mentoring-Programme, Role Models in Schulen und Unternehmen. Stets stand der Mensch im Zentrum: seine Geschichten, sein Potenzial, seine Zeit zum Wachsen.
In den zukunftsweisenden Impulsen wurde klar, dass Bleiben nur dann Teilhaben heißen kann, wenn Politik und Gesellschaft verlässliche Rahmenbedingungen schaffen: stabile Projektfinanzierungen, faire und realistische Zugänge zum Arbeitsmarkt, unabhängige Rechtsberatung, menschenwürdige Asyl- und Familienpolitik, raschere Wege zur Staatsbürgerschaft sowie eine konsequente Abkehr von diskriminierenden Systemen. Unternehmen sind gefordert, Vielfalt nicht als Randthema. Und dies geschieht in den letzten Jahren auch immer stärker: Unternehmen erkennen wertschätzend an, dass wir längst in einer vielfältigen Gesellschaft leben – und dass migrierte Menschen nicht nur Arbeitskräfte, sondern unverzichtbare Mitgestalter*innen unseres gemeinsamen Alltags und unserer Zukunft sind.
Die Diskussion endete mit einem starken gemeinsamen Appell: Eine offene Gesellschaft bleibt nur bestehen, wenn Zivilgesellschaft, Betroffene und Institutionen zusammenstehen – solidarisch, sichtbar und laut. Teilhabe ist kein Selbstverständlichkeit, sondern ein aktiver, politischer und zutiefst menschlicher Prozess.
Impressionen
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Podiumsdiskussion -
Es spricht: Judith Kohlenberger, WU Wien -
es spricht: Kevin Fredy Hinterberger, Arbeiterkammer Wien -
Es spricht: Daniela Ingruber, Institut für Strategieanalysen, Wien -
Es spricht: Edith Meinhart, Podcast "Die Dunkelkammer" -
Seyran Bostancı, DeZIM Berlin -
Podiumsdiskussion am 21.11.2025 -
Roobina Ghazarian, Projektleitung JAWA Next -
Es spricht: Karl Kopp, Geschäftsführer Pro Asyl, Deutschland -
Sicido Mekonen, FEM Süd, ehem. JAWA Next Teilnehmerin
Soziales Miteinander: Gemeinsam verschieden?
Leitung Runde 1 und Runde 2: Erol Yıldız
Hosts: Judith Punz & Ines Hrastnig
Der Workshop zeigte, wie stark unser Blick auf Zugehörigkeit von Kategorien geprägt ist – und wie begrenzt diese oft sind. Begriffe wie mehrheimisch oder vielheimisch machten sichtbar, dass Menschen gleichzeitig in mehreren Welten zuhause sein können und meistens auch sind. Anhand von Beispielen aus Schulen wurde deutlich: Kinder leben Vielfalt selbstverständlich – die Zuschreibungen kommen meist von außen. Ein Tiroler Projekt, in dem alle Kinder ihre Migrationsbiografie erforschten, zeigte, wie sehr Kategorien Komplexität reduzieren und wie befreiend es sein kann, sie zu hinterfragen. Die Leitfrage blieb: Wann helfen Kategorien – und wann reproduzieren sie nur Macht und Vereinfachung? Der Workshop plädierte dafür, Begriffe bewusst und situativ zu nutzen und Raum für Irritation und Mehrdeutigkeit zu lassen.
Politische Bildung: Jung. Wach. Demokratisch?
Leitung Runde 1 und Runde 2: Daniela Ingruber
Hosts: Alexandra Gangelberger & Christina Liedlbauer
Die Durchgänge des Workshops zur „politischen Bildung“ machte deutlich, wie groß die Enttäuschung vieler Teilnehmenden über die Politik ist: hochtrabende Reden, aber wenig konkrete Resultate – besonders in der Jugend- und Bildungsarbeit. Gleichzeitig sind, so ein Teilnehmer, viele Sprach- und Bildungsangebote didaktisch unzureichend, und Jugendlichen fehlt ein echter Raum, um ihre Meinung auszudrücken. Ängste vor Shitstorms und eine zunehmende Selbstzensur – verstärkt durch die Pandemie – reduzieren die Diskursfähigkeit weiter, merkt Daniela Ingruber kritisch an. Beide Hosts betonten: Beziehung ist der Schlüssel. Politische Bildung gelingt, wenn Jugendliche ernst genommen werden, mitgestalten können und in ihrer Lebenswelt politische Handlungsspielräume entdecken – auch ohne Wahlrecht. Social Media soll dabei als Empowerment-Werkzeug genutzt und nicht Populist*innen überlassen werden. Praxisbeispiele wie Rollenspiele, nachgespielte Wahlen, mehrsprachige Lernprojekte oder Begegnungsräume zwischen verschiedenen Milieus zeigten, wie Vorurteile abgebaut und Beteiligung gestärkt werden können. Ein zentrales Fazit: Diskursfähigkeit muss aktiv geübt werden – zuhören, widersprechen, Differenzen aushalten. Lehrpersonen spielen dabei eine entscheidende Vorbildrolle.
Bildung für alle - was muss sich ändern?
Leitung Runde 1: Hannes Schweiger, Leitung Runde 2: Aysun Doğmuş
Hosts: Hannah Greimel & Dubravka Pitzek
Im Workshop „Sprachliche Vielfalt in der Schule“ wurde deutlich, wie eng politische Forderungen wie „Deutsch als Schlüssel“ greifen. Die Frage des Hosts – „Wo ist dann eigentlich das Schloss?“ – brachte die Problematik auf den Punkt. Mehrsprachigkeit wurde als Teil von Zugehörigkeit verstanden, und die Gruppe forderte differenzierte Sprachstandanalysen sowie Unterricht, der Fehler zulässt, Kinder nicht verstummen lässt und Mehrsprachigkeit aktiv einbindet. Institutionen sollten Begegnungsräume schaffen und selbst mehrsprachig auftreten; wissenschaftlich ist die Förderung der Erstsprache klar als Vorteil für den Zweitspracherwerb belegt. Im zweiten Durchgang stand rassismuskritische Bildungsarbeit im Fokus. Es wurde gezeigt, wie schnell komplexe Situationen in vereinfachende Kategorien wie „sozialschwach“ gepackt werden – ohne Reflexion. Rassismus, so ein zentrales Zitat, verhindere mehrperspektivisches Denken und damit guten Unterricht. Der Workshop endete mit einer Frage, die zum Weiterdenken einlädt: Wem gehört die Welt?
Arbeitsmarktintegration zwischen Anspruch und Realität
Leitung Runde 1: Kevin Fredy Hinterberger, Leitung Runde 2: Milica Tomić-Schwingenschlögl
Hosts: Sandra Gombotz & Pakize Ergün
Im von AK und AMS Expert*innen geleiteten Workshop wurde deutlich, wie stark der Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt für geflüchtete und migrierte Menschen eingeschränkt und bürokratisch überlagert ist. Arbeiten dürfen nur bestimmte Gruppen – etwa Asylsuchende nach drei Monaten mit Beschäftigungsbewilligung, Personen, deren Asylantrag positiv entschieden wurde, subsidiär Schutzberechtigte sowie Ukrainer*innen unter Sonderregelungen. Besonders problematisch ist die große Lücke zwischen Recht und Praxis: Obwohl für eine Lehre keine vollständigen Dokumente nötig sind, wird in der Realität fast alles streng nachgewiesen verlangt. Auch die Rot-Weiß-Rot-Karte scheitert oft an fehlenden Zertifikaten. Das Beschäftigungsbewilligungs- und Ersatzkräfteverfahren wurde als zentrale Hürde identifiziert, die viele in prekäre Selbstständigkeit drängt. Der Workshop machte deutlich, dass es klarere Strukturen, mehr Begleitung und bessere Kooperation zwischen Organisationen braucht. Blicke nach Spanien und Deutschland zeigen, dass Ausbildung zu stabilen Aufenthaltsperspektiven führen kann – ein Ansatz, den Österreich nicht länger ignorieren sollte.
Medienbilder in einer vielfältigen Gesellschaft
Leitung Runde 1 und Runde 2: Edith Meinhart
Hosts: Judith Kieninger & Susanne Lettner
Der Workshop zeigte, wie stark öffentliche Debatten zu Migration von zwei gegensätzlichen Narrativen geprägt sind: Menschen als Opfer/Held*innen oder als Bedrohung. Beide blenden wesentliche Teile der Realität aus. „Von der ganzen Geschichte fehlt immer ein Teil“, so Edith Meinhart. Die Hosts machten deutlich, dass Widersprüche nicht Fehler, sondern notwendige Bestandteile gesellschaftlicher Verständigung sind. Menschen sind nie eindeutig – Fremdes kann vertraut wirken und zugleich irritieren. Im professionellen Kontext fällt der Umgang mit Ambivalenz oft leichter, im privaten – besonders in emotionalen familiären Diskussionen – dagegen deutlich schwerer. Zudem wurde betont, dass rassistische und patriarchale Strukturen in uns allen wirken und der Umgang mit den eigenen inneren Widersprüchen ein Lernprozess ist. Eine logische Schlussfolgerung: Persönlicher Kontakt schafft Differenzierung. Erst durch Begegnung wird die Komplexität anderer Menschen sichtbar. Offen blieb die Schlüsselfrage: Wie schaffen wir gesellschaftliche und institutionelle Räume, in denen Widersprüche zugelassen werden – und wie fördern wir Ambiguitätstoleranz als demokratische Praxis?
Fachpublikation "Flüchten - Ankommen - Bleiben. Solidarische Perspektiven"
Ein Buch über das Ankommen und Bleiben – und die Kunst des Zusammenlebens
Mit „Flüchten – Ankommen – Bleiben. Solidarische Perspektiven“ gibt der Verein Projekt Integrationshaus eine pointierte, praxisnahe Fachpublikation heraus, die sich bewusst in aktuelle politische Debatten einmischt. Im Zentrum steht die Forderung nach einem menschenrechtsbasierten Zugang zu Flucht und Migration – in deutlichem Kontrast zur zunehmend restriktiven Linie vieler europäischer Staaten. Flüchten. Ankommen. Bleiben. Drei Wörter, die wie Kapitel eines Lebens klingen und zugleich politische Zustände beschreiben.
Die Fachpublikation des Integrationshauses, erschienen im Residenz Verlag, versammelt Stimmen, die über Grenzen hinausdenken: Wissenschafter*innen, Praktiker*innen, Betroffene. Es ist kein Fachbuch im engeren Sinn, sondern ein gesellschaftliches Panorama. Es erzählt von Empathie als demokratischer Praxis (Judith Kohlenberger), von gelebter Teilhabe im Bildungsbereich (Verena Blaschitz, Seyran Bostancı) und vom Mut, Solidarität neu zu definieren (Erol Yildiz, Daniela Ingruber).
Das Redaktionsteam bestehend aus Geschäftsführung, Vorstandsmitglieder und wissenschaftlicher Mitarbeiterin verstehen das Buch als Einladung, Migration nicht als Ausnahme, sondern als Normalität zu denken. Es ist ein kulturelles Statement für eine Gesellschaft, die das Bleiben ermöglicht. Gestaltet wurde die Publikation von Nele Steinborn, gefördert von der Stadt Wien Kultur und dem Zukunftsfonds der Republik Österreich.
Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals bei allen Mitwirkenden bedanken!
„Flüchten – Ankommen – Bleiben. Solidarische Perspektiven“
Verein Projekt Integrationshaus (Hg.)
344 Seiten
24 Euro
ISBN: 9783701736508
Erhältlich über unseren Webshop
Wissen bündeln. Stimmen stärken. Veränderung ermöglichen.
Die Fachkonferenz und ihre Nachlese sind mehr als ein Rückblick auf einen intensiven Austausch: Mit der begleitenden Fachpublikation und den daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen liegt nun ein gemeinsames Arbeitsinstrument vor. Sie bündeln fachliche Expertise, wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis und machen diese für eine breite Nutzung zugänglich.
Diese Inhalte verstehen sich ausdrücklich als Advocacy Paper. Sie können von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Fachstellen, Entscheidungsträger*innen und engagierten Einzelpersonen genutzt werden, um fakten- und erfahrungsbasiert an der nachhaltigen Verbesserung der Situation von geflüchteten Menschen in Österreich und der Europäischen Union zu arbeiten.
Besonders jene Menschen, deren Rechte und Lebensrealitäten zunehmend externalisiert werden, sind darauf angewiesen, dass ihre Stimmen gehört werden. Sie brauchen starke Verbündete.
„Wir verstehen uns als Teil dieser Lobbygruppe – als kollektive Stimme, die Missstände sichtbar macht, Verantwortung einfordert und menschenrechtsbasierte Lösungen einbringt. Nur gemeinsam können wir strukturelle Veränderungen bewirken. Diese Konferenz, ihre Ergebnisse und Empfehlungen laden dazu ein, diesen Weg entschlossen weiterzugehen“,
appelliert Martin Wurzenrainer abschließend.